Schlechte Aussichten…

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Dicke Nebelschwaden breiteten sich vor den zwei Brüdern aus, die an der Reling gelehnt da standen und gedankenverloren in das Nichts starrten. Bald würden sie den Rand der Welt erreicht haben. Vielleicht würde es ihnen sogar gar nichts ausmachen, wenn das Vergessen sich langsam ihrer bemächtigte, bis sich sämtliche Erinnerungen an sie auflösen würden.

Neue Flügel aus Fleisch und Kohle

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Gestern dachte ich so bei mir: “Wo soll das alles hinführen?” Haben sie die Bäume hinterm Haus gesehen? Alle kahl geschoren, nirgends mehr auch nur ein Härchen übrig. Eines Nachts sind sie gekommen mit ihren großen schwarzen Flügeln. Wenn es dunkel wird, fliegen sie so dicht, man kann sie dann kaum mehr aus dem Nachthimmel herauslösen (hineingebrannt haben sie sich da). So viele schlagende Schwingen tanzen dann durch die Luft, dass es sirrt und beinahe glüht und dann haben sie begonnen, sich auf den Bäumen niederzulassen. Zuerst nur auf einigen wenigen, dann auf mehreren, bis schließlich jedes hochgewachsene braune Geäst von ihnen befallen war. Wie eine flügelschlagende Meute Parasiten sind sie dort gesessen und haben uns beobachtet. Durch die Fenster haben sie herein gestiert. Es war furchtbar! Wenn meine Frau das Essen bereitet hat, konnte ich sehen wie sich ihre Haare im Nacken aufgestellt haben und wie sie gezittert hat. Wie Schmetterlingsflügel im Ostwind, nur irgendwie…leichter.

Der Kopf der Sache…

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Die vielen Masken der Gefangenen waren es schließlich, die die Türme der schwarzen Stadt zum Einsturz brachten. Sie ließen die Luft um sich herum flirren und atmeten stoßweise Dampf aus jahrtausenden alten Lungen in den wolkenschweren Himmel hinein. Dichte Schleier aus schwarzer Tinte umfingen die sternenlose Nacht. Stahlen sich durch die Mauerritzen in das Innere der Häuser. Alles Leben war aus ihnen gewichen. Dutzende zogen damals durch die dunklen Straßen und Gassen, ohne ihr Ziel vor Augen zu haben. Blind für das Vergangene.

Très joli

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Ihre Unschuld raubte mir den Atem.
Sie betrachtete ihren Körper,
wie ein kleines Kind seine Füße.
Als hätte sie seine schlank ausgeformten Gliedmaßen,
die anziehende Farbe seiner Haut
oder die fein akzentuierten Gesichtszüge
noch die als solche wahrgenommen.
Eine Heterotopie des Genusses.

Kameraenge(l)

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Der Tag ist lang. Silbrig kleine Engel verdichten sich vor der Linse der Kamera und
blicken zurück in das Auge, das hinten dran, an der Aussicht hängt.

“Wie viel möchtest du noch sehen?”, fragte er und lässt seine Finger die Konturen seines Gesichts nachziehen.
An der rechten Schläfe angekommen verkrampft sich seine Hand und die sorgfältig manikürten Fingernägel
pflügen rote Furchen in seine schneeweiße Haut. Bis hinunter zu seinem Kinn,
wo er die Hand sinken lässt und ungläubig, belustigt die durchscheinenden Hautfetzen,
die unter seinen Fingernägeln hängen geblieben sind, betrachtet.

“Vielleicht ein bisschen weiter links?!”, hört sie ihn vergnügt durch das heftige Flattern der Engelsflügel flüstern.
Die Federn, die dabei zu Boden fallen, verdampfen in der Stille der Nacht und hinterlassen nur ein undeutliches Glühen, das bald darauf sanft rauschend verebbt.

“Du musst dich mehr zu mir beugen. In meine Richtung! So ist es gut. Ja.”
Dabei hat sie sich keinen Millimeter bewegt. Nur seine Augen zucken wild hin und her und versuchen das Dunkel des Raums abzutasten. Doch keine Schemen wollen sich vor ihm aus dem Nichts erheben.
Keine Wahrheiten aus der phantastischen Erzählung herausschälen. Er bleibt allein mit dem Flügelschlag der Zeit,
die vor seinem inneren Auge verrinnt. Wie Sand zwischen den kleinen Fingern eines Kindes.

Morgentau

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Der Gott meiner Kindheit sank hernieder,
trieb seine spitzen Krallenfinger in mein schwaches Fleisch
und als er sich schließlich
aller meiner mir zur Verfügung stehenden Sinne bemächtigt hatte,
ließ er mich blutend und schlaff zurück.
Die goldene Sonne des Morgens sponn indes Fäden glitzernden Taus
über das Draußen vor meinem Fenster.

Töne und Träume

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Töne und Träume,
Sand in meinem Getriebe
Rollt den Berg hinauf,
schnitzt Wind in die Wolken
und silbrig glitzernde Fische in den See.
Zwischen den Bäumen bricht donnernd der Alb hervor
und brüllt seinen Namen.
Er sucht sein Gesicht.
Gelb kreischend reißen seine Lippen
sich in einem stummen Schrei auseinander,
um von der Gewalt zu erzählen,
die ihnen angetan wurde.
In den höchsten Tönen sprechen sie von dir,
der du Schmerzen verursachst
und mit Genuss Leid in die feuchte Erde pflügst.
Auf dass deine Kinder rot und laut 
aus dem gesäten Korn heraus brechen,
sich ihren Weg in die Zukunft bahnen.

Fin de siècle

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Beine, weiß wie Milch,
teilen sich und legen ihr innerstes frei.
Schwarz und zäh breitet sich die Masse
unter dem Bauchnabel entlang aus,
rinnt die Innenseite der Schenkel entlang
und sammelt sich an den Spitzen der Zehen.
Tropft auf saftiges Erdfleisch,
dringt bis tief in das Wurzelreich ein.
Ohne Leben, kein Leben.
Die Tränen sind versiegt.
Vermischt mit strähnigem Haar
zieht die klebrige Flüssigkeit
Spinnwebartige Fäden über dein Gesicht.
Schmutz lässt die hohen Wangenknochen
noch stärker hervortreten.

Der Kaiser von China

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“Die goldene Luft rauscht in deinen Ohren”, sagt sie.
“Sie macht deine Augen blind und deine Ohren sehend. Säubert die verstopften Kanäle,
die deinen sich windenden Geist von der Außenwelt trennen. Sich windend wie ein Wurm,
der sich bei Trockenzeit im Erdreich verkriecht. Umgeben von Wurzeln gespeicherter Erinnerungen an den Regen.
Und erst wenn neues Wasser die Erde tränkt – den Humus in nachgiebige Schichte verwandelt -,
erst dann drängt das zweiendige Gewürm wieder an die Oberfläche zurück, um sich an der Tränke der Natur zu laben.”

Was wollte sie mir damit sagen? Mein Hirn verkrampfte sich bei dem Versuch,
ihren Metaphernreichen Ausführungen zu folgen, die sie schließlich bis nach China brachten,
wo sie auf einen alten Kaiser verwies, der wohl sein Heer mit einem einzigen Körnchen Reis dazu brachte,
ihm geschlossen ins sichere Verderben zu folgen. Oder so ähnlich.